In dieser Woche haben gleich mehrere Studien zur E-Zigarette für Aufmerksamkeit gesorgt – mit teils sehr unterschiedlichen Botschaften. Während zwei große Übersichtsarbeiten ein differenziertes Bild zeichnen, sorgte eine dritte Studie mit alarmierenden Schlagzeilen für Verunsicherung. Grund genug, die wichtigsten Erkenntnisse einzuordnen und wissenschaftlich sauber zu bewerten. Denn gerade bei Gesundheitsthemen ist ein sachlicher Blick entscheidend.
Zwei große Studien: Schadensreduktion im Fokus
Eine internationale Metastudie unter der Leitung der University of Oxford (UK) und der University of Massachusetts Amherst (USA) sowie ein umfassender Bericht der französischen Behörde für Gesundheitssicherheit (Anses) fassen das weltweite Wissen aus mehr als einem Jahrzehnt Forschung zusammen. Die beiden umfangreichen Übersichtsarbeiten gelten als besonders belastbar, da sie zahlreiche Einzelstudien systematisch auswerten.
Das Fazit beider Übersichtsarbeiten ist klar, aber differenziert: E-Zigaretten sind nicht risikofrei, jedoch deutlich weniger schädlich als klassische Tabakzigaretten. Im Kern zeigen beiden Metastudien:
- E-Zigaretten setzen erheblich weniger toxische und krebserregende Stoffe frei
- Ein vollständiger Umstieg kann gesundheitliche Risiken spürbar reduzieren
- Restrisiken bleiben bestehen, insbesondere für Herz und Lunge
Entscheidend ist dabei der vollständige Wechsel – wer parallel weiter raucht, profitiert deutlich weniger.
Der Wissenschaftsjournalist und Autor des Mitteldeutschen Rundfunks, Robert Rönsch, schrieb dazu in einem sehr lesenswerten Beitrag am 29. März:
Die wissenschaftliche Bewertung der E-Zigarette hat im Jahr 2026 eine neue Qualität erreicht. Lange Zeit prägten widersprüchliche Einzeluntersuchungen und auch vorurteilbehaftete Meinungen das öffentliche Bild, doch nun liegen zwei fast schon monumental zu nennende Übersichtsarbeiten vor, die als neuer Standard der Evidenz (der wissenschaftlich belegbaren Beweisführung) gelten können.
Die „Krebs-Studie“: Alarmierende Schlagzeilen
Ganz anders klang die Berichterstattung über einen Artikel, der am 30. März im Fachmagazin „Carcinogenesis“ erschienen ist und u. a. über mögliche DNA-Schäden durch den Konsum von E-Zigaretten berichtet. Daraus wurde ein potenzielles Krebsrisiko abgeleitet – und in mehreren Ländern mit entsprechend zugespitzten Schlagzeilen medial berichtet. Selbstverständlich verdienen auch solche Studienergebnisse Aufmerksamkeit. Sie sollten jedoch mit größter wissenschaftlicher Sorgfalt geprüft und eingeordnet werden.
Deutliche wissenschaftliche Kritik
Mehrere internationale Forscherinnen und Forscher äußern deutliche Zweifel an der Aussagekraft dieser „Schock-Studie“. Ihre wissenschaftliche Kritik richtet sich vor allem gegen methodische Schwächen und überzogene Schlussfolgerungen.
Dr. Baptiste Leurent, Außerordentlicher Professor für Medizinische Statistik, University College London:
„Es ist wichtig, gleich zu Beginn darauf hinzuweisen, dass es sich hierbei weder um eine neue Studie noch um eine strukturierte systematische Übersicht handelt. Es handelt sich nicht um eine formell neue Forschungsarbeit, sondern eher um einen Meinungsbeitrag oder eine Übersicht, die verschiedene Studien zu diesem Thema zusammenfasst. […] Ich glaube, dass dies für Forscher im Bereich der öffentlichen Gesundheit von Interesse sein könnte, aber irreführend sein könnte, wenn es der Öffentlichkeit als Beweis für einen Zusammenhang zwischen E-Zigaretten und Krebs präsentiert wird.“
Prof. Peter Shields, emeritierter Professor für medizinische Onkologie, Ohio State University:
„Dieser Artikel trägt eigentlich nichts Neues bei, was wir nicht bereits wissen, zitiert jedoch selektiv Studien (und lässt viele andere außer Acht, die die Aussagen der Autoren durchweg widerlegen), was den Leser auf die falsche Fährte führt. […] Keine ihrer (selektiv zitierten) mechanistischen Studien wurde als tatsächlicher Risikoprädiktor beim Menschen validiert, und die Tatsache, dass die Autoren dies nicht erkennen, führt zu schädlichen Schlussfolgerungen.“
Prof. Peter Hajek, Professor für Klinische Psychologie und Leiter der Forschungsabteilung „Health & Lifestyle“, Queen Mary University London:
„Durch das Dampfen wird Nikotin in ähnlichen Mengen wie beim Rauchen aufgenommen, doch – und das ist wichtig – entgegen der Andeutung der Autoren dieser Übersichtsarbeit ist Nikotin kein Karzinogen. Was in den Abschnitten der Arbeit beschrieben wird, die sich eher mit körperlichen Reaktionen als mit dem Nachweis von Chemikalien befassen, sind in erster Linie verschiedene Wirkungen von Nikotin und häufig auch solche einer Nikotinüberdosierung. Diese Erkenntnisse stammen größtenteils aus Studien an gestressten Labortieren, denen unfreiwillig chronisch extrem hohe Dosen verabreicht wurden. Die dadurch hervorgerufenen Wirkungen haben keine Relevanz für den freiwilligen Nikotinkonsum beim Menschen.“
Dr. Stephen Burgess, Statistiker der MRC Biostatistics Unit, Universität Cambridge:
„Die Autoren legen eindeutige Belege vor, die die erste Hälfte der Frage stützen: Erhöht das Dampfen Marker, die als potenzielle oder wahrscheinliche Auslöser von Krebs angesehen werden? Dabei kommen mehrere mögliche Wirkmechanismen in Betracht: DNA-Schäden, oxidativer Stress, epigenetische Veränderungen sowie die Konzentrationen von Cotin, flüchtigen organischen Verbindungen und Nickel im Blutkreislauf. Die Belege für einen Zusammenhang zwischen diesen Mechanismen und Krebserkrankungen beim Menschen sind jedoch uneinheitlich, und es fehlen Belege für einen Zusammenhang zwischen diesen Mechanismen und einem quantifizierbaren Anstieg des Risikos für bestimmte Krebsarten.“
Prof. Peter Hajek, Professor für Klinische Psychologie und Leiter der Forschungsabteilung „Health & Lifestyle“, Queen Mary University London:
„Die Schlussfolgerungen der Studie sind irreführend. Die Autoren weisen gleich zu Beginn darauf hin, dass sie keine Vergleiche zwischen Dampfern und Rauchern anstellen. Dies ermöglicht es ihnen, den Nachweis selbst geringster Mengen einer verdächtigen Chemikalie als „krebserregend“ darzustellen. […] Entscheidend ist der Vergleich mit dem Rauchen. Die entscheidende Information, die in der Studie ausgelassen wird, ist, dass E-Zigaretten-Nutzer nur einem sehr geringen Bruchteil einiger der im Tabakrauch enthaltenen Karzinogene ausgesetzt sind und den übrigen gar nicht.“
Prof. John Britton, emeritierter Professor für Epidemiologie, Universität Nottingham
„Aus zahlreichen bisher veröffentlichten Studien geht hervor, dass die Exposition von E-Zigaretten-Nutzern gegenüber Karzinogenen und Oxidationsmitteln sehr gering ist, was darauf hindeutet, dass die Risiken des E-Zigaretten-Konsums wahrscheinlich sehr gering sind. Insbesondere Raucher können sich darauf verlassen, dass das Dampfen weitaus weniger schädlich ist als das Rauchen.“
Mehr Sachlichkeit in der Debatte
Die aktuelle Studienlage zeigt vor allem eines: Die Bewertung von E-Zigaretten erfordert wissenschaftliche Sorgfalt und Differenzierung. Während hochwertige Übersichtsarbeiten zum Konsum von E-Zigaretten klare Hinweise auf eine reduzierte Schadstoffbelastung liefern, müssen einzelne, vorläufige Studien kritisch hinterfragt werden.
Für eine fundierte öffentliche Diskussion heißt das: Wissenschaftliche Ergebnisse dürfen nicht isoliert oder zugespitzt dargestellt werden, sondern sind stets im Gesamtkontext zu betrachten. Nur so lassen sich Risiken realistisch einschätzen – und unnötige Verunsicherung vermeiden.

Diese Woche hat deutlich gezeigt, dass die Einordnung wissenschaftlicher Ergebnisse zur E-Zigarette sehr häufig von konkreten Studiendesigns, Messparametern und Vergleichsgruppen abhängt. Daher ist es entscheidend, bei der Bewertung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse genau hinzusehen, streng evidenzbasierte Kriterien anzulegen und differenzierte Risikoprofile zu berücksichtigen – sowohl in der Regulierung als auch in der Gesundheitsaufklärung.
Dr. Thomas Nahde, Imperial Brands Global Head of Harm Reduction & Engagement

