Deutschland verfügt über eine der größten und stabilsten Tabaksteuerbasen Europas. Die aktuell diskutierten deutlichen Steuererhöhungen sollen dem Staat zusätzliche Milliarden bringen. Doch der Blick ins europäische Ausland und nach Australien zeigt: Steigen Preise zu stark, können Käufe aus dem legalen Markt abwandern. Damit geraten nicht nur die erwarteten Mehreinnahmen, sondern auch die bestehende Steuerbasis unter Druck.
Mehr Steuern, mehr Einnahmen: Auf den ersten Blick klingt die Rechnung einfach. Genau auf dieser Annahme basiert auch die aktuelle Diskussion um eine deutliche Erhöhung der Tabaksteuer in Deutschland. Doch Verbrauchsteuern funktionieren nicht im luftleeren Raum. Sie verändern Preise – und damit auch das Verhalten von Verbraucherinnen und Verbrauchern.
Das ist gerade bei der Tabaksteuer relevant. Denn Deutschland muss keine neue Einnahmequelle erschließen: Rund 16 Mrd. Euro nimmt der Staat bereits heute jährlich aus der Tabakbesteuerung ein, 2025 sogar 17,6 Mrd. Euro. Die entscheidende finanzpolitische Frage lautet deshalb nicht allein, wie sich kurzfristig zusätzliche Einnahmen erzielen lassen.
Sie muss ebenso lauten:
Wie lässt sich verhindern, dass dabei eine der stärksten bestehenden Verbrauchsteuerbasen des deutschen Staatshaushalts geschwächt wird?
Deutschland startet aus einer starken Position
Im europäischen Vergleich befindet sich Deutschland bislang in einer komfortablen Ausgangslage. Der geschätzte Anteil illegaler Zigaretten am gesamten inländischen Konsum lag 2025 bei rund 2,5 Prozent. In Frankreich sind es 41,4 Prozent, im Vereinigten Königreich 32,3 Prozent, in Belgien 24,8 Prozent und in den Niederlanden 22,1 Prozent. Auch beim Konsum von Zigaretten, die nicht innerhalb Deutschlands versteuert wurden, liegt Deutschland deutlich unter den europäischen Hochpreismärkten (siehe Grafik).
Mit anderen Worten: Deutschland ist nicht Frankreich, nicht Großbritannien und nicht die Niederlande.
Das ist ein Standortvorteil – auch für den Bundeshaushalt. Deutschland verfügt über einen großen legalen Markt, vergleichsweise geringe illegale Marktanteile und eine weitgehend intakte inländische Steuerbasis.
Gerade deshalb sollte mit Blick auf die derzeitigen Erhöhungspläne die Frage gestellt werden, welches Risiko eine Tabaksteuerpolitik eingeht, die Deutschland auf der europäischen Preisskala deutlich weiter nach oben bewegen würde.
Doppelter Bremseffekt für deutsche Steuereinnahmen
Nach den vorliegenden Berechnungen könnten die diskutierten Steuererhöhungen den durchschnittlichen Zigarettenpreis in Deutschland ab 2027 auf mehr als neun Euro und bis 2030 auf bis zu zwölf Euro pro Packung treiben. Deutschlands geografische Lage mitten in Europa macht diese Entwicklung besonders relevant – und riskant.
Zum einen würde der Preisabstand zu Nachbarländern wie Polen oder Tschechien weiter zunehmen. Zum anderen würde Deutschlands Preisvorteil gegenüber besonders teuren westeuropäischen Märkten kleiner. Für den Fiskus wäre dies ein doppelter Bremseffekt: Mehr grenzüberschreitende Ausweichkäufe nach Osten, weniger „Einkaufstourismus“ nach Deutschland aus dem Westen.
Das muss nicht automatisch bedeuten, dass Steuereinnahmen sinken. Konkrete Erfahrungen aus gleich mehreren anderen Ländern sind allerdings ein mahnendes Beispiel dafür, dass die zugrunde liegende Annahme „höherer Steuersatz gleich höhere Einnahmen“ schnell an Grenzen stoßen kann. Schlimmstenfalls geht diese Rechnung sogar nach hinten los.
Niederlande: Wohin die Entwicklung führen kann
Ein Blick in die Niederlande verdeutlicht das Risiko. Dort wurden die Tabaksteuern in den vergangenen Jahren wiederholt deutlich erhöht. Gleichzeitig nahm der Anteil der nicht im Inland versteuerten Zigaretten stark zu: von knapp 20 Prozent im Jahr 2022 auf rund 45 Prozent im Jahr 2025 (siehe Grafik oben). Auch der illegale Markt ist heute um ein Vielfaches größer als in Deutschland.

Das Beispiel Niederlande zeigt die entscheidende Schwäche einer rein statischen Einnahmenrechnung: Der Staat kann zwar mehr Steuer auf jede legal verkaufte Packung erheben. Wenn gleichzeitig aber immer mehr Käufe außerhalb der eigenen Steuerbasis stattfinden, werden immer weniger Packungen tatsächlich mit diesem höheren Steuersatz belegt.
Mehr Steuer pro Packung bedeutet deshalb nicht automatisch mehr Steuereinnahmen.
Christian Cordes, Reemtsma Director Corporate & Legal Affairs Cluster DACH
Australien: Wenn die Steuerpolitik selbst zum politischen Thema wird
Wie weit sich diese Entwicklung zuspitzen kann, zeigt Australien. Das Land ist mit Deutschland nur eingeschränkt vergleichbar – schließlich ist Australien ein Inselstaat ohne direkte Landgrenzen und damit ohne die legalen grenzüberschreitenden Einkaufsmöglichkeiten, die Deutschland mit insgesamt neun Nachbarstaaten hat.
Trotzdem hat sich dort ein enormer illegaler Markt entwickelt. Das Australian Bureau of Statistics kam im Juni 2026 in einer experimentellen Berechnung zu dem Ergebnis, dass 2025 rund 80 Prozent der konsumierten Nikotinmenge aus illegalen Quellen stammten. Gleichzeitig haben sich die Preise legaler Tabakprodukte seit Ende 2016 nahezu verdreifacht. Das australische Finanzministerium musste seine Prognose für Tabaksteuereinnahmen zuletzt um Milliarden nach unten korrigieren.
Die Entwicklung hat inzwischen eine bemerkenswerte politische Debatte ausgelöst. Die australische Opposition schlägt vor, die Tabaksteuer um bis zu 80 Prozent zu reduzieren, um den Preisabstand zwischen legalem und illegalem Markt drastisch zu verkleinern. Premierminister Anthony Albanese und sein Finanzminister haben eine Senkung der Tabaksteuer Anfang September im Parlament jedenfalls nicht mehr ausdrücklich ausgeschlossen.
Die Zustände in Australien beschreibt eindrücklich dieser Bericht im „ARD Weltspiegel“ vom 08.09.2026.
Ob eine derart massive Steuersenkung der richtige Weg ist, ist eine andere Frage. Bemerkenswert ist jedoch, dass eine ursprünglich zur Einnahmesteigerung und Konsumreduzierung eingesetzte Steuerpolitik inzwischen überhaupt eine Debatte über eine deutliche Steuersenkung ausgelöst hat.
Christian Cordes zieht daraus eine klare Botschaft:
Für Deutschland sollte das australische Beispiel zumindest Anlass sein, mögliche Verhaltensänderungen nicht erst dann in die Steuerpolitik einzubeziehen, wenn die Einnahmen bereits wegbrechen.
Organisierte Kriminalität: Die Strukturen sind längst vorhanden
Noch ist Deutschland weit von australischen, französischen, niederländischen oder gar australischen Verhältnissen entfernt. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Strukturen für illegale Produktion und illegalen Handel hierzulande fehlen.
Im Gegenteil: Der Sonderbericht des Europäischen Rechnungshofs zum illegalen Tabakhandel in der EU unterstreicht die Dimension des Problems. Die Prüfer verweisen darauf, dass sich die illegale Produktion in den vergangenen Jahren zunehmend in die EU verlagert hat. Kriminelle Organisationen verkürzen dadurch ihre Lieferwege und rücken näher an die Absatzmärkte. Die finanziellen Verluste durch illegalen Tabakhandel werden für EU und Mitgliedstaaten auf mehr als 13 Milliarden Euro jährlich geschätzt.
Deutschland gehört dabei zu den Schwerpunkten illegaler Zigarettenproduktion. Nach Angaben aus dem aktuellen Rechnungshofbericht wurden hierzulande 2023 und 2024 zwischen 21 und 40 illegale Produktionsstätten stillgelegt. Damit liegt Deutschland innerhalb der EU hinter Belgien und Polen auf Platz drei.
Auch die aktuellen Fälle von aufgedeckten illegalen Zigarettenfertigungen bzw. Großfunden illegaler E-Zigaretten und oraler Nikotinprodukte zeigen, dass es sich dabei hierzulande keineswegs um ein theoretisches Problem handelt. Die folgende Infografik zeigt entsprechende Aufgriffe und Ermittlungserfolge im Bundesgebiet von Januar 2025 bis August 2026, basierend auf dazugehörigen offiziellen Mitteilungen von Zoll- bzw. Polizeibehörden und dokumentiert im Reemtsma Schwarzmarkt-Tracker.
Seit Anfang 2025 haben Zoll- und Polizeibehörden in unterschiedlichen Teilen Deutschlands illegale Zigarettenfabriken und Fertigungsanlagen ausgehoben sowie zahlreiche Großmengen illegaler Tabak- und Nikotinprodukte sichergestellt. Allein bei einer illegalen Produktionsanlage in Düsseldorf wurden im März 2025 25 Millionen Zigaretten und 15 Tonnen Tabak beschlagnahmt. Der ermittelte Steuerschaden lag bei mehr als 54 Millionen Euro.
Diese Aufgriffe belegen nicht, dass höhere Steuern automatisch zu mehr illegaler Produktion führen. Sie zeigen aber: Die Strukturen, die von größer werdenden Preisunterschieden zwischen legalen und illegalen Produkten profitieren können, sind auch in Deutschland längst vorhanden.
Die Steuerbasis muss Teil der Rechnung sein
Eine verantwortungsvolle Tabaksteuerpolitik muss unterschiedliche Ziele miteinander verbinden. Sie muss gesundheitspolitische Aspekte berücksichtigen, dem Staat verlässliche Einnahmen ermöglichen und zugleich vermeiden, dass immer größere Teile des Marktes in nicht oder illegal versteuerte Kanäle abwandern.
Deshalb reicht es nicht, allein zu fragen: Wie viel zusätzliche Steuer lässt sich auf eine Packung legen? Mindestens ebenso wichtig ist die Frage: Wie lässt sich dauerhaft möglichst viel Konsum innerhalb des legalen und in Deutschland versteuerten Marktes halten?
Deutschland startet dabei aus einer beneidenswert starken Position: mit einer Steuerbasis von zuletzt mehr als 17 Mrd. Euro und einem im europäischen Vergleich bislang kleinen illegalen Markt. Die Erfahrungen aus den Niederlanden, Australien und anderen Hochpreismärkten zeigen, dass diese Position nicht selbstverständlich ist.
Das Fazit von Christian Cordes:
Eine Steuerpolitik, die zusätzliche Milliarden verspricht, muss gerade in Zeiten wachsender Haushaltslöcher auch belastbar beantworten können, wie sie die Milliarden schützt, die der Staat bereits heute einnimmt.
Titelbild: © iStock/Llgorko


