Der Schwarzmarkt mit E-Zigaretten in Deutschland boomt. Schätzungen zufolge ist jedes zweite Produkt im Markt eigentlich nicht verkehrsfähig. Hinzu kommt die systematische Umgehung des geltenden Jugendschutzes. Ob online oder im stationären Handel: Kinder und Jugendliche kommen viel zu leicht an Vapes. Für mehr Jugendschutz bei E-Zigaretten braucht es keine disruptiven Pauschalverbote, denen es an wissenschaftlicher Evidenz fehlt. Es braucht vor allem mehr Wissen, mehr Kontrollen und mehr Rechtsdurchsetzung.
Teil 3 von 3 unserer Serie „Durchsetzen statt verschärfen – Regulierung, die wirkt“ (zu Teil 1: „Wenn Recht nicht greift: Der Staat und der illegale Handel“ und Teil 2: „Tabaksteuer, die nicht ankommt: Wie der Schwarzmarkt den Staatshaushalt trifft“)
Die Schönhauser Allee, so schreibt es das städtische Tourismusbüro Visit Berlin auf seiner Homepage, „diente schon vielen Kamerateams als Kulisse, wenn es darum ging, ein Stück ‚echtes‘ Berlin auf die Leinwand zu bringen.“ 1957, zu DDR-Zeiten, trug ein Film-Klassiker sogar ihren Namen – „Berlin – Ecke Schönhauser“. 55 Jahre später war sie so etwas wie die Lebensader der Hauptfigur Niko im Spielfilmerfolg „Oh Boy“ von 2012. Eine Milieu-Studie über die systematische Hintergehung des Jugendschutzes würde man hier aber wohl weniger ansiedeln. Dabei könnte man darüber glatt eine eigene Doku drehen.
„Hookah Island“ könnte sie heißen. So wie der gleichnamige E-Zigarettenladen, der auf der Schönhauser Allee, Ecke Gaudystraße, sein zu Hause hatte, und der laut Anwohnern in ganz Berlin dafür bekannt war, sogar „an Zwölfjährige“ verkauft zu haben. Besonders viel zu befürchten hatten die Betreiber des inzwischen geschlossenen Geschäftes wohl lange Zeit nicht. Dennoch war offenbar dauerhaft eine Art Alarmposten vor dem Laden postiert, der Ordnungsbeamte oder Polizisten ankündigte. Auch sogenannte „Läufer“ soll es gegeben haben, die die Waren in sicherer Entfernung des Geschäfts an Minderjährige veräußert haben.
Sieben Prozent der zwölf bis 17-Jährigen hatten im Mai 2024 laut einer Studie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) in den letzten 30 Tagen E-Zigaretten konsumiert. Besonders Aromastoffe und Aufmachungen, die an Süßigkeiten, Backwaren oder Energy Drinks angelehnt sind, machen sie für Minderjährige attraktiv. Hinzu kommen die Einwirkung durch Influencer vor allem in sozialen Medien oder der Gruppendruck unter Mitschülern und Freunden.
Der umso wichtigere Schutz der Jugendlichen von Seiten des Staates ist offenbar schwer herzustellen. So gab es gegen „Hookah Island“ zwar im Juli 2024 eine Razzia und eine vorläufige Schließung des Geschäfts. Doch kurze Zeit später ging der illegale Verkauf munter weiter. Erst danach musste der Laden dauerhaft dicht machen. Allerdings gibt es längst zumindest gleichnamige Adressen in anderen Berliner Bezirken. Und auch die Social-Media-Profile des Ladens sind nach wie vor online. Es bleibt also ein Katz-und-Maus-Spiel.
„Rechtsfreie Räume“ – ein Offenbarungseid
Das Problem: Im Vergleich zum möglichen Gewinn aus illegalen Verkäufen sind die Strafen von pro forma bis zu 50.000 Euro pro Einzelfall zu gering. Das Risiko erwischt zu werden, ob durch aktive Ermittlungsarbeit oder Stichproben, ist allein schon wegen des gravierenden Personalmangels bei den zuständigen Behörden minimal. Die „rechtsfreien Räume“, vor denen im Herbst 2025 alle zwölf Berliner Ordnungsämter in einem Brandbrief an die Senatskanzlei des Regierenden Bürgermeisters gewarnt haben, sind nichts Geringeres als ein Offenbarungseid.
Ohne eine handlungsfähige Gewerbeüberwachung riskiert Berlin, als Ort wahrgenommen zu werden, an dem Gesetze keine praktische Wirkung mehr entfalten und Wirtschaftskriminalität faktisch folgenlos bleibt.
Wer keine Lust auf in ganz Berlin bekannte Läden hat, bestellt einfach im Internet. Als Altersnachweis dient dort häufig lediglich die Frage „Bist Du älter als 18 Jahre?“. Vermeintlicher Jugendschutz per Mausklick, den selbst Kinder leicht umgehen können. Aber auch die Abfrage einer Personalausweis-Nummer stellt in der Regel keine besonders hohe Hürde dar. Weshalb vorgesehen ist, dass die bestellte Ware auch nur an den Ausweisinhaber zugestellt werden darf. Die meisten Anbieter behaupten zwar, dementsprechend zu handeln. Die Praxis der Paketzustellung sieht leider allzu oft anders aus.
Noch schlimmer, wenn illegale Anbieter außerhalb der EU weder auf den Jugendschutz noch auf erlaubte Inhaltsstoffe, Füllmengen oder Nikotingehalte achten. Die Kontrolle solcher Online-Bestellungen fiele in den Aufgabenbereich des Zolls. Der aber ist angesichts der Warenflut schlichtweg überfordert damit. Zumal die Bestellungen in der Regel unter dem Warenwert von 150 Euro bleiben, damit zollfrei sind und auch nur nachgelagert kontrolliert werden. Doch selbst wenn Anbieter ausfindig gemacht werden – außerhalb der EU sind den Behörden in der Regel die Hände gebunden. Und der nächste Online-Shop ist meist nur einen Klick entfernt.
Mehr Jugendschutz braucht: mehr Ernsthaftigkeit
Eine Eindämmung dieser Jugendschutzrisiken bei E-Zigaretten gelingt nicht, indem man die Produkte faktisch verbietet. Darauf liefe in der Realität ein vor allem mit dem Schutz von Kindern und Jugendlichen begründetes Vorhaben des Bundesgesundheitsministeriums hinaus, Menthol und zwölf weitere Inhaltsstoffe in E-Zigaretten zu verbieten. Dieser falsch verstandene und viel zu kurz gedachte Aktionismus würde einen kompletten legalen Markt kaputtmachen und allein dem illegalen Handel in die Karten spielen. Das wäre vermutlich sogar ein Bärendienst am Jugendschutz.
Nein, mehr Jugendschutz bei E-Zigaretten erreicht man nur über deutlich mehr Engagement, Wissen, Kontrollen und die konsequente Durchsetzung bestehender Regeln. Mehr Kontrolle durch die zuständigen Behörden. Mehr Nutzung von Angeboten wie www.vape-kontrolle.de zur Meldung von Jugendschutzverstößen. Mehr Ernsthaftigkeit von Plattformbetreibern und Streamingdiensten bei der Durchsetzung ihrer eigenen Werbestandards. Mehr politischen Willen zu wirklich effektiver und zielgerichteter Regulierung. Und auch mehr Wissen von Erwachsenen darüber, wie leicht Minderjährige an E-Zigaretten kommen können.
Klingt komplex und nicht nach Hollywood. Aber nach einer Zukunft mit deutlich mehr funktionierendem Jugendschutz und weniger illegalem Handel mit E-Zigaretten.
Titelbild KI-generiert

